„Erst polieren, dann probieren?“ oder: Wieviel Training, Coaching, Beratung braucht es für die perfekte Umsetzung in die Praxis?

In meinem heutigen Blog-Artikel möchte ich erstmals einen ganz konkreten Fall aus meiner Coaching-Praxis nutzen. Herausgefordert dazu hat mich die Coaching Klientin selbst. Und mit „herausgefordert“ meine ich genau das: am Ende eines Gespräches zu diesem Thema, über das wir uns nach einer Coaching Sitzung noch intensiv ausgetauscht hatten, sagte sie: „Ich verstehe, was Sie mir sagen wollen. Und trotzdem, ich bin überzeugt, dass 90% der Frauen sich genauso verhalten wie ich. Fragen Sie doch mal Ihre anderen Klientinnen oder die Leserinnen Ihres Blogs!“

Meine anderen Coaching Klientinnen möchte ich natürlich nicht von Ihren eigenen Themen ablenken. Die Idee allerdings, meinen Blog zu nutzen für eine kleine Meinungsabfrage zum Thema (übrigens auch gerne von meinen männlichen Lesern) finde ich ganz spannend. Nachdem meine Coachee zugestimmt hatte, ihre Situation und ihre Herausforderung als Hintergrund zu diesem Artikel schildern zu dürfen, geht es heute also um die Fragen:

„Erst polieren, dann probieren?“ .

Oder, anders ausgedrückt: Wieviel Training, Coaching, Beratung oder Selbstreflektion, wie viele Ratgeber und Ratschläge braucht es, bis wir etwas perfekt umsetzen können? Können wir unser Selbst mit Theorie und simulierten Übungen so lange „aufpolieren“, bis mit dem „neuen Ich“ auf Anhieb alles optimal klappt oder wir unsere Entwicklung soweit vorangebracht haben, dass wir die Person sind, die wir sein wollen? Oder sollten wir es wagen, ins kalte Wasser zu springen und unsere Erkenntnisse aus der Theorie in der Praxis direkt ausprobieren, auch mit dem Risiko, dass noch nicht alles sofort perfekt klappt?

Wie sind wir auf dieses Thema gekommen?

Meine Klientin ist seit knapp einem Jahr als Abteilungsleiterin in einem mittelständischen Unternehmen tätig. Sie hat zwei Kinder, beide „aus dem Gröbsten raus“, wie sie selber sagt. Die erste Führungsrolle ist ihr „quasi zugeflogen“. Die Stelle war lange unbesetzt und „aus Mangel an Alternativen und wegen des großen Drucks auf den eigenen Chef von außen“ ist sie „quasi über Nacht“ befördert worden. Mit allen Vor- und Nachteilen: ein deutlicher Gehaltssprung, Firmenwagen und bewunderndes Kopfnicken im Freundeskreis auf der einen Seite, Konflikte mit den ehemaligen Kolleginnen, deren Chefin sie nun ist und die andauernden Selbstzweifel, der neuen Verantwortung nicht gerecht werden zu können.

In das Coaching ist sie mit dem Ziel gekommen, für eine anstehende – bzw. wie meine Klientin es wortwörtlich formulierte „drohende“ – Ausweitung ihres Kompetenzbereiches besser vorbereitet zu sein als bei der ersten Beförderung. Durch das erfolgreiche Wachstum des Unternehmens sollen einzelne Bereiche aufgebaut werden und meine Klientin im nächsten Jahr eine zusätzliche Abteilung übernehmen. Ihr Chef unterstützt sie in der persönlichen Weiterbildung, insbesondere durch Führungstrainings, die sie davor nur selten besucht hatte. Das Coaching zahlt meine Klientin jedoch privat. „Wer weiß, was dabei rauskommt! Vielleicht bin ich für eine Führungsaufgabe gar nicht geeignet und schmeiße alles hin – und das soll doch mein Chef nicht bezahlen!“

In den ersten Sitzungen haben wir an Themen gearbeitet, die meine Coachee in ihrer jetzigen Führungssituation beschäftigen: ihre Positionierung als Führungskraft, Konflikte in ihrem Team, Schwierigkeiten, sich im hauptsächlich männlich dominierten Führungskreis durchzusetzen. Nach jeder Sitzung hielten wir ihre wesentlichen Erkenntnisse fest und entwickelten, wie diese im Berufsalltag erprobt und umgesetzt werden könnten. In den Folgesitzungen kamen wir jedoch immer wieder darauf zu sprechen, dass meine Coachee die Aktionen, die sie sich vorgenommen hatte, nicht umgesetzt hatte. „Ich bin noch nicht soweit.“ „Ich muss darüber noch nachdenken.“ „Ich habe noch mal darüber nachgedacht und bin zu einem ganz anderen Schluss gekommen. Können wir das nicht noch mal reflektieren?“  „Ich schaffe das noch nicht, wir müssen daran noch arbeiten, damit ich perfekt vorbereitet bin.“

Und so kamen wir schließlich zu der Frage: Wieviel Theorie muss sein, wieviel Selbstreflexion, wieviel Training in simulierten Situationen, bevor neues Verhalten in der Praxis erprobt werden kann? Kann man sich ausschließlich in der Theorie so gut vorbereiten und entwickeln, dass die Umsetzung in der Praxis zu einem bestimmten Zeitpunkt perfekt klappt?

Diejenigen von Ihnen, die meinen Blog schon länger verfolgen, werden meine Einstellung kennen: ob Übungen im Selbstcoaching, ob im Coaching neu entwickelte Perspektiven oder in einem Training gelernte Verhalten – die Erkenntnisse werden aus meiner Sicht erst dann nachhaltig und erfolgreich umgesetzt und vor allem zu Veränderungen führen, wenn sie in der Praxis ausprobiert werden. Wir können natürlich ganz lange an uns „herumpolieren“, Ratgeber für die Selbstentwicklung lesen und uns Methoden aus dem Selbstcoaching aneignen, ein persönliches Coaching buchen, Seminare besuchen, um perfekt auf den nächsten Job, die anstehenden Herausforderungen oder bestimmte Situationen vorbereitet zu sein. Am Ende wird jedoch nur die Konfrontation in der tatsächlichen Situation bewirken, dass wir uns entwickeln und unserem Ziel näher kommen.

Davon abgesehen stellt sich zwangsläufig die Frage: woran würden wir den perfekten Moment für den Start in die Praxis festmachen? Beim kleinsten Zweifel hindert uns häufig schon unser „innerer Saboteur“ daran, den entscheidenden Schritt zu gehen. Wir verharren in theoretischen Überlegungen und blockieren unser Handeln. Veränderungen bewirken wir so nicht.  (Siehe dazu auch meinen Artikel zum Thema „Selbstsabotage – So entdecken Sie Ihren inneren Saboteur und erreichen Ihre Ziele“).

Um zu meiner Coachee zurück zu kommen: In unserem Gespräch über dieses Thema stimmten wir generell überein. „In der Theorie ist absolut nachvollziehbar, dass nur die praktische Umsetzung bei der Selbstentwicklung hilft und die Konfrontation mit der Realität. Ich weiß, dass sich an meiner Durchsetzungsfähigkeit nicht allein daran etwas ändert, dass ich mein Verhalten und meine Optionen im Coaching beleuchte und das dritte und vierte Buch über Durchsetzungsfähigkeit lese. Aber jedes Mal, wenn wir im Coaching sprechen und an dem Thema arbeiten, gewinne ich mehr Zuversicht, dass ich irgendwann dort ankomme, wo ich hinwill. Jedes Ausprobieren in der Praxis und das Risiko eines Rückschlags dagegen würden meine Selbstzweifel nähren. Also: erst polieren, dann probieren!“

Meine Klientin ist überzeugt, dass 90% der Frauen sich genauso verhalten wie sie… Erst einmal sämtliche Selbstzweifel ausräumen, bevor sie sich für die neue Aufgabe ins Spiel bringen. Wie ist das bei Ihnen? Welche Erfahrungen haben Sie mit sich selbst gemacht?

Ich freue mich über Ihre Kommentare direkt zum Artikel oder auf Ihre Email über das Kontaktformular und bin gespannt auf alle Erfahrungen, Meinungen und Anmerkungen!

 

Verwandte Artikel in meinem Blog

Selbstsabotage – So entdecken Sie Ihren inneren Saboteur und erreichen Ihre Ziele >> hier lesen

Wenn Frauen sich selbst im Wege stehen – 3 effektive Dinge, die Sie sofort tun können, um Ihre beruflichen Ziele zu verwirklichen >> hier lesen

 

 

 

 

 

 

  10 comments for “„Erst polieren, dann probieren?“ oder: Wieviel Training, Coaching, Beratung braucht es für die perfekte Umsetzung in die Praxis?

  1. Maja Hellenriedt
    10. Mai 2016 um 10:24

    Liebe Frau Zimmer,
    muss man es denn so schwarz/weiß sehen? Sind wir denn nicht immer dabei, uns zu entwickeln, dazuzulernen, neues auszuprobieren und wird das im Beruf nicht auch von uns erwartet? So einen richtigen Stillstand, um sich „zu polieren“, können wir uns doch gar nicht leisten.
    Es hat wohl in der Tat alles mit dem inneren Anspruch zu tun… und vielleicht auch mit der inneren Suche nach Zufriedenheit. Ich kann mir vorstellen, dass Ihre Klientin einfach noch angekommen ist — bei sich selbst und ihren eigenen Bedürfnissen.
    Ich wünsche ihr viel Erfolg auf der Suche und alles Gute!
    Viele Grüße,
    Maja Hellenriedt

    • 10. Mai 2016 um 10:57

      Liebe Frau Hellenriedt,
      vielen Dank für Ihren Beitrag. Ich gebe Ihre Wünsche gerne weiter!
      Viele Grüße und Ihnen ebenfalls alles Gute,
      Mareike Zimmer

  2. Saskia
    3. Mai 2016 um 07:34

    Hallo Frau Zimmer,
    vielen Dank für diesen Beitrag. Ich kenne das Thema persönlich auch nur zu gut. Ich hatte Ihren Artikel über den „inneren Saboteur“ damals schon gelesen und mein persönliches Aha-Erlebnis gehabt.
    Wenn ich ehrlich zu mir bin – ja, ich poliere auch gerne an mir und meinen Fähigkeiten, bin immer dabei, neues zu lernen, mich selbst zu reflektieren, Seminarkosten zu produzieren (auch privat!)… Und wenn es drauf ankommt, trete ich häufig auf die Bremse und es bleibt bei der Theorie und den guten Vorsätzen.
    Befriedigend ist das natürlich nicht. Deswegen habe ich mit mir selber vor einiger Zeit folgendes vereinbart: ich setze mir kleine Teilziele. Ich gehe nicht mehr mit dem Anspruch durch´s Leben, eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit sein zu müssen und es den Männern in meinem Team „zeigen“ zu müssen. Ich nehme mir nun eher vor, bei einem ganz bestimmten Thema oder einer ganz bestimmten Person für mich und meine Interessen einzustehen und zu „üben“, was ich in mehreren Seminaren und Büchern über Strategien der Durchsetzung (speziell für Frauen) gelernt habe – zumindest die Strategien, bei denen ich meine, dass sie zu mir passen. Denn eins will ich auch – authentisch bleiben!
    Also, mein Fazit: polieren ja, aber nicht bis zum Hochglanz.
    Viele Grüße aus Hannover,
    Saskia

    • 3. Mai 2016 um 07:37

      Liebe Saskia,
      ja, sicherlich steht uns häufig ein viel zu hoher Anspruch an uns im Weg. Vielen Dank für´s Teilen Ihrer Erfahrungen und den guten Tipp.
      Viele Grüße und alles Gute,
      Mareike Zimmer

  3. Heike
    2. Mai 2016 um 12:19

    Meine Devise ist von jeher: „trial and error“ 🙂 Meine Ziele habe ich mir ganz klar gesteckt, aber auf dem Weg dahin erlaube ich mir Umwege, Richtungswechsel und auch den einen oder anderen Fehler. Ich denke (und bin der festen Überzeugung), dass es den „geraden und perfekten“ Weg einfach nicht gibt (egal wie „hochglanzpoliert“ man ist) und möchte mich mit Selbstzweifeln daher gar nicht erst aufhalten. Wenn ich merke, dass etwas nicht klappt, versuche ich es neu. Bisher bin ich mit dieser Einstellung und Art gut gefahren.

    Neulich habe ich einen schönen Spruch gelesen, über den ich dann doch schmunzeln musste: „Hingefallen? Macht nichts! Aufstehen, Krönchen richten, weiterlaufen.“ … oder so ähnlich. Aber wahr ist es!

    • 2. Mai 2016 um 13:11

      Hallo Heike,
      vielen Dank für Ihren ermutigenden Beitrag!
      Viele Grüße,
      Mareike Zimmer

  4. Melanie aus Hamburg
    2. Mai 2016 um 11:37

    Liebe Mareike,

    das erinnert mich so sehr an mich selbst, erinnerst du dich? Erst hatte ich auf Bachelor studiert, dann den Master gemacht und promoviert… Um dann festzustellen, dass das alles nicht meine Ziele waren und – um mal dabei zu bleiben – zwar „auf Hochglanz poliert war“, aber doch nicht zufrieden (und überfordert…) mit den Optionen, die sich boten… Danke noch einmal an dieser Stelle für deine (damals nannte ich es „hartnäckige und provokante Art“ :-)) heute für deine nachhaltige Unterstützung, mich an meinen eigenen (!) Zielen auszurichten.

    Für deine Klientin: Ja, ich kann Sie verstehen… 🙂 Und ich finde es klasse, dass Sie sich das Coaching privat „gönnen“… Vielleicht waren Sie damit ja schon auf dem richtigen Weg?! Ich drücke Ihnen die Daumen und wünsche Ihnen alles Gute!

    Viele Grüße von Melanie

    • 2. Mai 2016 um 11:39

      Liebe Melanie,
      ich freue mich, von dir zu hören! Hört sich an, als würdest du weiterhin deinen (!) Zielen folgen.
      Viele Grüße und weiterhin viel Erfolg für deine Projekte!
      Mareike

  5. K.H.
    2. Mai 2016 um 09:25

    Liebe Frau Zimmer,
    erst einmal vielen Dank für die interessanten und abwechslungsreichen Themen in Ihrem Blog! Gerne öfter und mehr davon!
    Ich kann Ihre Klientin sehr gut verstehen. Ich bin nun schon über 45 Jahre alt und fühle mich in meiner Führungsrolle wohl. Wenn ich meinen Werdegang reflektiere (und wenn ich sehe, wo meine männlichen Kollegen – gleiches Alter, gleiche familiäre Situation – heute schon stehen), dann hat mich mein „innerer Saboteur“ allerdings auch ganz deutlich ausgebremst. Bei mir war es nämlich meistens so, dass ich die Möglichkeit auf einen neuen Job hatte (teilweise konkrete Angebote in der Tasche!) und ich dann „wie wild“ Fortbildungen besucht habe, – ja – auch bei einer Coach war und mich tatsächlich gegen einen Job entschieden habe, wenn ich zu viele Zweifel hatte. Dabei haben die anderen ja an mich geglaubt! Und rückblickend betrachtet: was hätte schon passieren können? Keiner ist sofort perfekt in dem, was er tut. „Learning by doing“ heißt es doch so schön.
    Nichts gegen Fort- und Weiterbildung bzw. das „Polieren“ :-), das halte ich sogar für notwendig. Aber die Herausforderung annehmen („probieren“) halte ich heute für viel wichtiger.
    Ich wünsche Ihnen (und Ihrer Klientin!) viel Erfolg und alles Gute,
    Kerstin Hagemayer

    • M.Z.
      2. Mai 2016 um 09:27

      Liebe Frau Hagemayer,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. „Learning by doing“, ja das passt gut!
      Ich wünsche Ihnen ebenfalls viel Erfolg und freue mich über Ihr positives Feedback zu meinem Blog!
      Viele Grüße,
      Mareike Zimmer

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