Wann das „Denken in Schubladen“ hilfreich sein kann

Jeder Mensch ist einzigartig und mit einer ganz individuellen Persönlichkeit ausgestattet. Trotz der Individualität und persönlichen Vielschichtigkeit stecken wir unsere Mitmenschen (meistens unbewusst) in Schubladen – oder vielleicht genau deswegen? Menschen anhand von Merkmalen zu definieren, ihnen einen für uns klar umrissenen Charakter zuzuordnen hilft uns, der Komplexität der Persönlichkeit Herr zu werden. Wir können dann „ganz einfach“ unser Verhalten und Handeln entsprechend unserer definierten Schubladen ausrichten. Dass diese „Vereinfachung“ unserer Mitmenschen häufig nicht funktioniert sehen wir spätestens dann, wenn durch unser „Schubladen-Denken“ Konflikte entstehen. Warum sich Psychologen trotzdem seit Jahrhunderten mit Modellen der Persönlichkeits-Typologie beschäftigen und wie das Denken in Typologien Ihnen dennoch helfen kann, das lesen Sie in meinem heutigen Blog-Beitrag.

Unsere Persönlichkeit – kompliziert und vielschichtig 

Die menschliche Persönlichkeit beschäftigte schon in der Antike Gelehrte und Philosophen. Die erste bekannte Persönlichkeitstypologie wurde von Theophrast im Jahre 314 v. Chr. veröffentlicht. Theophrast teilte die Menschen erstmals in bestimmte Charaktere ein, so zum Beispiel in „den Aufschneider“, der den Mund ständig „zu voll nimmt“. Insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde eine regelrechte Welle an weiteren Persönlichkeitsmodellen veröffentlicht und diskutiert, die unsere Persönlichkeit – je nach Modell – auf bis zu vier übergeordnete Kategorien reduzierte. 

Wenn Sie sich Ihren Bekannten- und Kollegenkreis vorstellen oder das Team, in dem Sie arbeiten, dann fragen Sie sich vielleicht berechtigterweise, ob sich diese Personen in nur vier „Schubladen“ stecken lassen. Sind wir Menschen nicht viel zu individuell, zu vielschichtig und in unserem Denken und Verhalten viel komplizierter als es sich in ein paar wenigen definierten Typen abbilden lässt?

Genau in dieser Komplexität liegt allerdings auch der Vorteil von Persönlichkeitsmodellen. So kann es sich lohnen, sich mit Persönlichkeits-Typologien auseinanderzusetzen und immer dann in der Praxis heranzuziehen, wenn 

  • Sie sich fragen, warum der andere den eigenen, doch so logischen Argumenten nicht folgen kann,
  • Sie sich fragen, warum jemand ganz andere Schlüsse zieht als Sie selbst, obwohl Sie haargenau die gleiche Situation erleben,
  • Sie sich fragen, warum eine Person immer wieder blockiert und Sie mit Ihrem Anliegen nicht vorankommen,
  • es – ganz generell – um zwischenmenschliche Konflikte geht. 

Vor dem Hintergrund der Persönlichkeitsmodelle lassen sich die meisten Konflikte und unterschiedlichen Verhaltensweisen gut nachvollziehen und vor allem aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Das Riemann-Thomann-Modell – auf dem viele bekannte Persönlichkeitsmodelle aufbauen – liefert zum Beispiel eine gute Erklärung, warum sich die Wünsche und Bedürfnisse des einen Menschen von denen des anderen unterscheiden und wie diese inneren Unterschiede zu unterschiedlichem Verhalten führen.

Von Nähe und Distanz, von Regelmäßigkeit und Spontanität

Nach Fritz Riemann (1975) und Christoph Thomann (1988) hat der Mensch vier grundlegende Bedürfnisse: 

  • das Distanz-Bedürfnis, also das Bedürfnis nach Unabhängigkeit, Ruhe und Individualität,
  • das Nähe-Bedürfnis, also das Bedürfnis nach zwischenmenschlichen Kontakten, Harmonie und Geborgenheit,
  • das Dauer-Bedürfnis, also das Bedürfnis nach Regelmäßigkeit, Ordnung, Kontrolle, nach Ritualen und Beständigkeit,
  • das Wechsel-Bedürfnis, also das Bedürfnis nach Abwechslung, nach Freiheit, Kreativität, nach Neuem und nach Spontanität. 

Diese Bedürfnisse sind jedem Menschen anlagemäßig mitgegeben und bilden sich aufgrund von Lebensumständen, insbesondere in der Kindheit, unterschiedlich stark aus. Während einem die Unabhängigkeit über alles geht, sind dem anderen Gemeinschaft und Gesellschaft viel wichtiger. Einem Menschen ist ein geregelter Tagesablauf wichtig, einem anderen wird bei zu viel Beständigkeit schnell langweilig.  In unterschiedlichen Situationen wirken sich unsere Bedürfnisse zudem unterschiedlich stark aus. Häufig sind sogar nur zwei oder eine einzige Ausprägung für ein bestimmtes Empfinden oder Verhalten verantwortlich.  Besonders im zwischenmenschlichen Kontakt werden die Unterschiede besonders deutlich.

Die Bedürfnisse in ihrer unterschiedlichen Stärke prägen und beeinflussen unsere Kommunikation und unsere Beziehungen zu anderen Menschen und werden zur Ursache für viele Konflikte. Das Wissen darum, was Menschen antreibt oder auch lähmt ermöglicht neue Sichtweisen auf sich selbst und auf andere und kann bei der Überwindung von Konflikten und auch bei der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit helfen.

Wie können Sie das Modell für sich nutzen? 

  • Mit dem Wissen um Ihre Grundstrebungen kann es Ihnen leichter fallen, Ihr eigenes Verhalten zu verstehen und sich in bestimmten Situationen gezielt Strategien für Ihr weiteres Vorgehen zu überlegen.
  • Sie können Ihre Persönlichkeit gezielt entwickeln, wenn Sie versuchen, den jeweiligen Gegenpol im Modell zu „erobern“. 
  • Ebenso kann es helfen, andere Personen oder sogar ganze Teams in das Modell einzuordnen, um deren Bedürfnisse zu verstehen und das entsprechende Verhalten nachvollziehen zu können. So erkennen Sie Konfliktpotential und dessen vermutliche Ursachen und  können souveräner mit schwierigen Situationen im Beruf und im Privatleben umgehen.  

Eine übersichtliche Beschreibung über die vier Grundtypen des Riemann-Thomann-Modells sowie einen Fragebogen zur Selbsteinschätzung finden Sie >> hier

Persönlichkeitsmodelle bleiben, was sie sind: Modelle, die die Komplexität unserer Welt und insbesondere der zwischenmenschlichen Kommunikation vereinfacht darstellen. Wenn wir die Modelle jedoch nicht überbewerten und Menschen nicht kategorisch in Schubladen stecken, können sie uns hilfreiche Ansätze für die Überwindung von Konflikten und für die Entwicklung unserer eigenen Persönlichkeit liefern.

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